Christoph Großmann im Interview – Ein BIM-Experte zur digitalen Baustelle


Vier schnelle Fragen zur digitalen Baustelle haben wir an Christoph Großmann von der IPROconsult GmbH in Dresden gestellt. Wir lernten den jungen BIM-Experten im Rahmen einer Digital-Werkstatt des Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrums Planen und Bauen kennen.

Das Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Planen und Bauen hat bei Christoph Großmann von IPROconsult angefragt, um mehr zu den Möglichkeiten und Herausforderungen rund um die digitale Baustelle zu erfahren. Speziell haben wir nach Hinweisen für kleine und mittlere Unternehmen zum Thema Digitale Baustelle und Digitalisierung und Herausforderungen gefragt. 

Welche Möglichkeiten für Unternehmen gibt es bereits auf der digitalen Baustelle zu arbeiten? 

Der Begriff „Digitale Baustelle“ wird mittlerweile ebenso plakativ verwendet wie Building Information Modeling (BIM). Doch wo beginnt eine digitale Baustelle und wo endet sie? Sind es bereits Pläne, die über mobile Endgeräte auf die Baustelle transportiert werden oder ist es die Vernetzung alle Ressourcen im Bauprozess? Sich diesem Thema anzunähern, bedeutet auch sich darüber im Klaren zu sein, welche Anwendungsfälle die digitale Baustelle erfüllen soll.

Innerhalb dieses Spektrums gibt es bereits einige Möglichkeiten, die Digitalisierung auf der Baustelle voranzutreiben. Sehr einfache und kostengünstige Lösungen sind die Mitnahme von digitalen Plänen über mobile Endgeräte. Darüber können bereits Anmerkungen auf Plänen oder Dokumenten vor Ort hinzugefügt werden. Nachteile sind dabei unzureichende Möglichkeiten des Mängelmanagements. Fotos, Notizen und Anmerkungen auf Plänen müssen meist getrennt voneinander erfasst werden und stehen nicht im Zusammenhang mit dem restlichen Datenpool des Projektes.

In BIM-Projekten kommen häufig Digitale Projektplattformen (CDEs) zum Einsatz, die meist auch über eine mobile Anwendung verfügen. Eine Internetverbindung ist dafür nicht immer notwendig. Damit können Mängel, Fotos und Revisionen digital erfasst werden und innerhalb des digitalen Zwillings verortet werden. Sofern Modelle vorhanden sind, was bei einer digitalen Baustelle eigentlich vorausgesetzt sein sollte, können diese auch mit Augmented Reality (AR) in die Realität projiziert werden. Beim Umbau unserer Büroräume haben wir diese Technologie bereits genutzt, um eine Vorab-Präsentation des Neubauzustandes für den Bauherren durchzuführen oder den Baufortschritt zu kontrollieren. (siehe Bild)

Wie können kleine und mittlere Unternehmen am besten an das Thema Digitale Baustelle / Digitalisierung auf der Baustelle herangehen? 

Zunächst einmal beginnt die Digitalisierung im Kopf, mit der Bereitschaft etwas Neues ausprobieren und sich den bisherigen Herausforderungen stellen zu wollen. Digitalisierung bedeutet Veränderung im täglichen Handeln und Denken und im Umgang mit neuen Werkzeugen. Mobile Endgeräte sind heutzutage bezahlbar und es gibt eine Fülle an kostenlosen und kostengünstigen Apps. Von Zeiterfassung, Terminplanung bis zum Bautagebuch sind kaum Grenzen gesetzt. Beispielsweise kann die digitale Bauakte von Teamsware in die populäre MS Teams Umgebung eingebettet werden. Es muss nicht immer die große digitale Projektplattform sein.

Wenn kleine und mittlere Unternehmen sich auf Ausschreibungen bewerben, kann auch gezielt nach dem Mitwirken auf einer Projektplattform gefragt werden. Häufig sind Planer und Bauherren der Annahme, dass vor allem kleine Bauunternehmen kein Interesse oder keine Möglichkeiten haben, die Baustelle auch digital zu begleiten. Eventuell lassen sich durch zusätzliche Funktionen der Plattform auch Bautagebücher, Mängel und Aufgaben erfassen. Der große Vorteil liegt aus meiner Sicht in der Transparenz des Gesamtprozesses. Alle Auffälligkeiten werden protokolliert und erfasst und können mit dem SOLL verglichen werden. Das führt zu einer Planungs- und Kostensicherheit für alle Beteiligten.

Wo sehen Sie Herausforderungen für kleine und mittlere Unternehmen?

Vor allem der Umgang mit neuen Werkzeugen und das Arbeiten in neuen Prozessen erfordert viel Zeit, Geduld und auch nötige Investitionen. Neben Schulungen kann zunächst auch eine geringere Produktivität die Folge sein. Häufig entstehen die größten Mehrwerte erst, wenn alle Beteiligten sich am Prozess beteiligen und das Projekt im Vordergrund steht; persönliche Interessen sollten dem untergeordnet werden.

Für Bauherren kann auch der Abgleich des gebauten mit dem geplanten Zustand zur finanziellen Herausforderung werden. Mit Augmented Realtiy lässt sich der Abgleich sehr schnell und kostengünstig durchführen, aber dennoch nicht mit der Genauigkeit eines Laserscanns mithalten. Aufgrund der Häufigkeit durchgeführter Scanns, entstehen derzeit noch hohe Kosten für den Soll-Ist-Vergleich. Das kann sich jedoch in den nächsten Jahren ändern, das sich die AR-Technologie noch im Anfangsstadium befindet und Modelle auch schon mit Bildern und Fotos abgleichen lassen.

Können Sie uns einen Ausblick geben – Wohin entwickelt sich die digitale Baustelle?

Mittlerweile ist die Digitalisierung ein gesellschaftliches und wirtschaftspolitisches Anliegen, was wir durch die nächste Bundesregierung hoffentlich auch deutlich spüren werden. Neben der Digitalisierung wird auch der Umweltschutz ein zentraler Aspekt der Baustelle von morgen sein. Die neuen Technologien wie 5G, Internet der Dinge (IoT), 3D-Druck, Künstliche Intelligenz oder Blockchain werden unser Baukasten der Zukunft sein und führen zu einer Vernetzung aller bautechnologischen Prozesse. Das Echtzeit-Controlling von Baustoffen, Fahrzeugen und Ressourcen schließt sich der Integralen Planung und den digitalen Genehmigungsprozessen an und führt zu einer Just-In-Time Produktion von Bauteilen und Gebäuden. Neben der Effizienzsteigerung wird auch die Ressourcenverschwendung und damit verbundene Umweltbelastung ein Anwendungsfall digitaler Baustellen der Zukunft sein.

Wir danken Christoph Großmann herzlich für das Interview. Mehr zu seiner BIM-Expertise erfahren Sie auch auf der Website seines Arbeitgebers IPROconsult GmbH aus Dresden.


22.10.2021