Wie steht es um die Bauindustrie im Zuge von Covid-19?


Vor welchen Herausforderungen steht aktuell die Bauindustrie? Und welche Rolle spielen dabei digitale Methoden und Technologien? Diese und weitere Fragen klärt Inga Stein-Barthelmes, Geschäftsbereichsleiterin Politik und Kommunikation im Hauptverband der Deutschen Bauindustrie, im nachfolgendem Interview.

Wie schätzen Sie die aktuelle Lage auf den Baustellen mit Blick auf die Corona-Maßnahmen ein?

Wir beobachten derzeit, dass die Bauunternehmen zu 80 Prozent bauen können und auch weiterhin bauen wollen. Das Feedback, welches wir von unseren Mitgliedsunternehmen zur Einhaltung der Gesundheitsschutzmaßnahmen erhalten haben, ist auch durchwegs positiv. Grundsätzlich können diese Maßnahmen zum jetzigen Zeitpunkt auf den Baustellen sehr gut umgesetzt werden. So kann der notwendige 1,50 bis 2,00 Meter Mindestabstand gut eingehalten werden, gegebenenfalls werden Schutzmasken getragen. Zudem werden Desinfektionsmittel und Waschvorkehrungen auf den Baustellen bereitgestellt. Darüber hinaus werden auch Baufahrzeuge desinfiziert, sobald der Schichtwechsel eingetreten ist. Die Koordinierung der Bauarbeiterkolonnen erfolgt dabei auch sehr gut, da hier ein fester Schichtplan eingehalten wird.

Vor welchen wirtschaftlichen Herausforderungen stehen Ihre Mitgliedsunternehmen?

Es zeichnen sich bei dem ein oder anderen Mitgliedsunternehmen durchaus ein paar Herausforderungen ab. So weisen einige Unternehmen derzeit einen relativ hohen Krankheitsstand auf, wobei dieser mit Blick auf die Grippewelle sicherlich nicht ausschließlich auf das Coronavirus zurückzuführen ist. Anfangs bestand zudem die Sorge, dass ausländische Baustellenmitarbeiter aufgrund der europaweiten Grenzschließungen nicht nach Deutschland einreisen dürfen. Die EU-Kommission hat jedoch Ende März entsprechende Leitlinien erlassen, die den Grenzwechsel der Arbeiter unter bestimmten Umständen adäquat regeln. Hier gilt es vor allem bei der Rückreise in ein anderes EU-Land die spezifischen Quarantänevorschriften vor Ort zu beachten. Auch hier setzen wir uns dafür ein, dass die Regelungen, auf Grund von strikter Einhaltung der Hygieneregeln, verbessert werden. Vereinzelt kann es zudem zu Engpässen in der Versorgungslage mit Baustoffen kommen. Vor allem kleinere Unternehmen, die eine weniger diversifizierte Zulieferstruktur aufweisen als größere Unternehmen, sehen sich teilweise Verzögerungen durch Lieferanten gegenüber. Wir verfolgen die Lage ganz genau, jedoch sehen wir uns zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht dazu veranlasst, entsprechende Warnhinweise zu geben. Die Bundesregierung hat zudem veranlasst, dass unter Wahrung der entsprechenden Gesundheitsschutzmaßnahmen die öffentlichen Baustellen zunächst fortgeführt werden können. Das ist ein wichtiges Signal. Infrastrukturprojekte der öffentlichen Hand müssen schließlich auf den Markt gebracht werden, damit Straßen, Brücken und Versorgung weiterhin aufrechterhalten werden können. In der Bauindustrie können wir uns daher zum jetzigen Zeitpunkt relativ glücklich schätzen, auch weil wir die wirtschaftlichen Einbußen noch nicht ganz so doll zu spüren bekommen wie andere Branchen.

Welche Rolle nimmt das Thema Digitalisierung in der Bauwirtschaft im Zuge der Corona-Pandemie ein?

Im Zuge der Corona-Pandemie wird man sicherlich feststellen, dass digitale Prozesse durchaus notwendig sind und auch funktionieren können. Als Bauunternehmen hat man zunächst zwei wesentliche Prozesse, die von der Digitalisierung maßgeblich beeinflusst werden. Das ist zum einen die Planung, in der die Digitalisierung derzeit verstärkt sichtbar ist. Vor der Corona-Pandemie war dabei das Thema Building Information Modeling (BIM) für unsere Mitgliedsunternehmen von hoher Bedeutung. Dies wird sich angesichts der Corona-Krise auch nicht ändern. Mit Blick auf BIM versuchen wir verstärkt den Mittelstand und kleinere Unternehmen mit an Bord zu nehmen. Virtuelle Kommunikationsmittel erfahren derzeit auch in der Baubranche eine hohe Nachfrage. Ein anderes Thema ist natürlich das digitale Arbeiten auf der Baustelle, was nicht unterschätzt werden sollte. Im Zuge der Corona-Pandemie werden im Moment mehrfach Drohnen auf Baustellen eingesetzt, die entsprechende Baustellenabmessungen vornehmen. Zudem beobachten wir, dass vermehrt Baustoffe auf Online-Plattformen bestellt werden - unter der Voraussetzung, dass diese tatsächlich auch vorhanden sind und „just-in-time“ geliefert werden können. Vor diesem Hintergrund werden auch regionale Lieferketten zunehmend an Bedeutung gewinnen, die die Regionalwirtschaft unterstützen und eine schnellere Materiallieferung garantieren können. Früher war es doch noch manchmal das Faxgerät, womit die Bestellungen getätigt worden sind. Darüber hinaus kann es gut möglich sein, dass die Corona-Pandemie neue Impulse für die Automatisierung im Bereich des modularen bzw. seriellen Bauens setzen wird. Im modularen bzw. seriellen Bauen und der damit verbundenen Vorfertigung der Bauteile in den Betriebshallen, kann durch die Robotik ein ganz anderes Zusammenwirken von Mensch und Maschine stattfinden.

Welche wirtschaftlichen Entwicklungen zeichnen sich im Zuge der Corona-Pandemie für die Bauindustrie ab?

Anfang des Jahres haben wir noch eine positive Wachstumsprognose von 5,5 Prozent für die Bauindustrie herausgegeben. Die Wachstumsrate wird im Zuge der Corona-Pandemie einen deutlichen Rückgang haben. Projektentwickler und Baufinanzierer kann es da leider härter treffen, insbesondere weil die Umsetzung einiger Projekte wohl nicht stattfinden wird. Vor allem Finanzierungen im privaten Wohnungsbau werden platzen können. Folglich wird es in dieser Teilbranche verstärkt zu wirtschaftlichen Einbußen kommen können. Da ein Großteil unserer Mitgliedsunternehmen jedoch für die öffentliche Hand arbeitet, diese derzeit noch Bauaufträge vergibt und somit die Bautätigkeit der Unternehmen aufrechterhalten werden kann, sind wir im Moment noch nicht ganz so stark von der Corona-Krise betroffen. Die Bauindustrie ist in jedem Fall eine wichtige Stütze für die Konjunktur - eine Branche die derzeit funktioniert und entsprechende Umsätze generiert.


08.04.2020

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