Darf´s ein bisschen grüner sein? – Wie eine junge Initiative die Baubranche in die Zukunft führen will

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Die Baubranche ist entscheidend für den Klimaschutz: Die Initiative „Architects for Future“ möchte dabei den Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit vorantreiben und richtet sieben Forderungen an die Baubranche. Darunter der Ruf nach besserem Recycling sowie dem verstärkten Einsatz nachwachsender Materialien. Die Initiative arbeitet auch an dem fehlendenden Wissen innerhalb der Branche und verfolgt eine stärkere Auseinandersetzung mit dem Thema Nachhaltigkeit an den Universitäten.

Eine Gruppe aus AbsolventInnen der Architektur und des Bauingenieurwesens möchte mehr Bewusstsein für nachhaltiges Planen und Bauen stärken und gründete daher im Juni 2019 in Wuppertal die Initiative “Architects for Future”. Der schnelle Zuwachs an Mitgliedern und Unterstützern zeigt dabei, dass Ideen und Nachfrage für eine alternative Art des Bauens zahlreich vorhanden sind. Innerhalb eines halben Jahres haben sich allein in Deutschland mehr als 20 Lokalgruppen gebildet, mittlerweile existieren auch Ableger in Dänemark, Großbritannien und der Schweiz.

Mit sieben Forderungen in die Zukunft

Die Initiative solidarisiert sich, wie durch den Namen ersichtlich, mit der globalen Bewegung „Fridays for Future“ und setzt sich für eine nachhaltige Entwicklung in der Bauindustrie in Richtung einer klimaverträglichen Zukunft ein. Dafür wurden sieben Forderungen formuliert, die an alle Akteure in der Baubranche gerichtet sind: 1) Hinterfragt Abriss 2) Wählt gesunde und klimapositive Materialien 3) Entwerft für eine offene Gesellschaft 4) Konstruiert kreislaufgerecht 5) Vermeidet Downcycling 6) Nutzt urbane Minen und 7) Erhaltet und schafft biodiversen Lebensraum.

Ein besonderes Augenmerk legt die Gruppe dabei auf die Planer, die einen erheblichen Einfluss auf die Gestaltung und die Umweltbilanz von Bauprojekten haben. Die Forderungen umfassen sowohl die Planungs- als auch die Entsorgungsphase eines Projekts. Sie sollen vor allem zum Nachdenken und kritischen Hinterfragen bekannter Handlungsmuster anregen. Unter anderem soll der Abriss bestehender Gebäude kritischer hinterfragt werden, da eine Sanierung häufig weniger Energie und Ressourcen verbraucht als die Errichtung eines Neubaus. Ebenso soll am Lebenszyklusende eines Gebäudes, wenn ein Abriss nicht umgangen werden kann, Downcycling vermieden werden. In anderen Worten: Rohstoffe, die für Neubauten genutzt werden, sollen aus bestehender Gebäudeinfrastruktur gewonnen werden. Anders als bisher üblich soll beispielweise eine Verwendung von Abrissschutt als Füllmaterial im Straßenbau vermieden werden, da hier die Funktionalität und Qualität des Ausgangsmaterials verringert wird.

Building Information Modeling öffnet Möglichkeiten zur Materialverfolgung

Eine Methode, die „Architects for Future“ zufolge eine effiziente Weiternutzung der Abrissmaterialien sicherstellen soll, ist die Ausstellung eines sogenannten Materialausweises bereits vor Baubeginn. In einem solchen Ausweis können detaillierte Informationen zu Eigenschaften und chemischer Beschaffenheit der verwendeten Materialien festgehalten und damit ein adäquates Recycling vereinfacht werden. Ein solcher Materialausweis kann mithilfe der digitalen Planungsmethode „Building Information Modeling“ (BIM) erstellt werden. Der große Vorteil hierbei besteht darin, dass alle am Bau beteiligten Akteure die Informationen zu den jeweiligen Baustoffen in ein zentrales Modell einpflegen und bei Bedarf jederzeit überarbeiten können. Die Informationen können mithilfe der Nutzung von BIM zudem über den gesamten Lebenszyklus einer Immobilie hinweg dokumentiert sowie den jeweiligen Akteuren zur Verfügung gestellt werden. Dadurch können beispielsweise auch erfolgte Sanierungsmaßnahmen im Materialausweis berücksichtigt werden. Das zurzeit laufende EU-Forschungsprojekt “BAMB – Building as Material Banks” beschäftigt sich eingehender mit dieser Thematik.

„Architects for Future“ fordern darüber hinaus die Nutzung von klimapositiven, also regionalen und nachwachsenden Materialien wie Holz, Schafwolle und Flachs. Diese sollen als Alternativen zu Materialien, die aus fossilen Rohstoffen hergestellt werden oder große Mengen an Energie zur Herstellung benötigen, zum Einsatz kommen. Diesen Ansatz kombiniert die Bewegung mit der Forderung nach kreislaufgerechtem Bauen. Die eingesetzten Materialien sollen also einfach lösbar und wiederverwendbar sein.

Wo ein Weg ist, muss auch Wissen sein

Eine weitere Forderung, die über die Baumaterialien und das Recycling hinausgeht, lautet: „Entwerft für eine offene Gesellschaft“. Dahinter steht der Gedanke, dass Bauplaner Entscheidungen vor allem mit Blick auf die späteren Gebäudenutzer treffen sollen. Klimafreundliches Bauen bedeutet in den Augen der Initiative auch, Aufträge abzulehnen, die nicht mit den Forderungen vereinbar sind. Besonders große Architekturbüros müssten nicht jeden Auftrag annehmen und könnten die heutzutage zumeist noch teureren und in der Planung aufwendigeren Alternativen forcieren, so die Haltung der Initiative.

Um fehlendem Wissen bezüglich nachhaltiger Materialien und alternativer Bauweisen in der Branche entgegenzusteuern, arbeiten die „Architects for Future“ am Aufbau einer Datenbank auf ihrer Webseite. Die Initiatoren setzen sich darüber hinaus dafür ein, dass das Thema Nachhaltigkeit fester Bestandteil der Lehrveranstaltungen im Bereich Architektur und Bauingenieurwesen wird, um beim Branchennachwuchs ein Bewusstsein für das Thema zu festigen. Aber mangelnde Auseinandersetzung mit dem Thema sei in den Augen der Initiative nicht das einzige Problem, es fehle innerhalb der Branche auch am Willen, dieses Wissen in die Tat umzusetzen. Nur auf dem Papier einen Paradigmenwechsel zu fordern, um Klimawandel und Biodiversitätsverlust entgegenzuwirken, werde nicht ausreichen.

Weiterführende Quellen:

Autorin: Lena Falk-Walter | Institut für Mittelstandsforschung (ifm) an der Universität Mannheim


10.12.2020

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