Ein Laser, ein Videospiel, ein Feuer und ...


... die Digitalisierung.
Der Architekturhistoriker Andrew Tallon (1969-2018) benutzte modernste Technologien wie 3D-Laserscanner und 360°-Dronenfotografie, um bei der Kathedrale von Notre Dame Nichtgreifbares sichtbar zu machen, zu kartieren und zu analysieren. Digitalisierung in Reinformat. Gleichzeitig vermaßen Spielemacher von Ubisoft diese Kirche in Paris, um ihrem in Zeiten der französischen Revolution platzierten Videospiel einen möglichst realen Hintergrund zu geben. Dann zerstört ein Feuer am 15. April 2019 das komplette Dach der Kirche, der einstürzende Dachreiter reißt Teile des Gewölbes mit sich. Während Kunsthistoriker schon feststellen, dass Originalbaupläne aus dem 13. Jahrhundert nicht mehr vorhanden sind, und daher moderne Konstruktionsmaterialien ins Spiel bringen, könnten die Digitalisierungsarbeiten von Prof. Tallon (und auch Ubisoft) es auch ermöglichen, den Dachstuhl im Original wieder aufzubauen.

Die Neue Osnabrücker Zeitung meldete: “’Im Fall von Notre-Dame sei eine Rekonstruktion schwierig’, erläuterte der Wissenschaftler [Stephan Albrecht], der an der Bamberger Universität den Lehrstuhl für Kunstgeschichte innehat und zu dessen Forschungsschwerpunkten die mittelalterliche Skulptur und Architektur, vor allem die von Notre-Dame, zählen. Der Dachstuhl gehe auf eine Holzkonstruktion aus dem 13. Jahrhundert zurück, deren Baupläne nicht mehr verfügbar seien. ‘Es gibt nur vage Zeichnungen, wie das ausgesehen hat’, sagte Albrecht. ‘Ich kann mir deshalb nicht vorstellen, dass der Dachstuhl aus Holz nachgebaut wird. Das ist ein Riesenverlust, aber der Dachstuhl wird nachher ein anderer sein.’"

Aber ist das so? Schon am Abend des 15. April 2019 – das Feuer war noch nicht endgültig gelöscht – veröffentlichte die Zeitschrift Wired einen Artikel darüber, dass Andrew Tallon, seines Zeichens Architekturhistoriker, schon vor Jahren die Kathedrale mit modernsten Werkzeugen digitalisiert bzw. kartographiert hat und so möglicherweise wertvolle  Grundlagen für den Wiederaufbau geschaffen hat. Wenn man die Quellen dieses Artikels weiterverfolgt (National Geographic, New York Times oder aber auch Time Magazin) so wird klar, warum Professor Tallon das gemacht hat. Gerade weil keine Pläne mehr vorhanden waren und – schon vor dem Brand – Notre Dame teilweise schon zu zerbröseln begann, nutzte er 3D-Scanner und 360°-Fotografie, also modernste Digitalisierungswerkzeuge, um das einzigartige Bauwerk zu katalogisieren und in einer Präzision zu erfassen, wie es bis dato nicht möglich gewesen war.

Beim “Schlauen Haus” in Oldenburg (siehe auch Das BIM-Frühjahrsmeeting in Oldenburg) verlief die Renovierung ganz ähnlich. Das Dach und das alte Gemäuer waren viel zu unregelmäßig, um mit regulären Mitteln am Computer modelliert werden zu können. Daher wurden die Bauteile mit Laser-Reflexionsmessung erfasst und als Punktewolke gespeichert. So weit so gut und vergleichbar mit Andrew Tallons Arbeit. Dann gingen Oltmanns Ingenieure (Professor an der Jade-Hochschule, einem Partner unsseres Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrums Planen und Bauen) aber weiter und übertrugen diese Informationen in eine Modellierungssoftware, um ein exaktes digitales Modell für die weitere Bearbeitung zu bekommen: So läuft letztlich Digitalisierung im Bestand (siehe auch unser Fachsymposium im April 2019 mit dem gleichen Namen).

Das Interessante an der Arbeit von Andrew Tallon ist, dass die Daten (letztlich die von ihm erzeugten und gespeicherten Punktwolken) zur Verfügung stehen und somit nicht nur der Visualisierung, sondern eben auch zu einer weiteren Bearbeitung herangezogen werden könnten und so etwa als Grundlage für Renovierungsüberlegungen dienen könnten. Ähnliches kann man sich auch von den Daten des Videospiels “Assasins Creed – Unity” vorstellen.

Die Holzkonstruktion des Dachstuhls aus dem 13. Jahrhundert wurde zerstört, aber auch diese wurde genauestens vermessen und damit archiviert. (siehe auch Videobeitrag des amerikanischen Fernsehsenders CBS unten in der Quellenliste). Wenn man jetzt noch Erfahrungen von mittelalterlichen Baumethoden hinzuzieht (solche gibt es beispielsweise durch die Erbauung einer Burg in Guédelon), so könnte man auch der Kathedrale Notre Dame ihren mittelalterlichen Dachstuhl zurückgeben. Zumindest besteht die Möglichkeit – durch Digitalisierung.

Quellen:

 

 


07.05.19