Keine Spielerei: Virtual Reality im Bauwesen


Die frühen 1990er-Jahre waren so etwas wie die Cyberspace-Jahre. Virtual Reality (VR) war noch kein Buzzword, sondern tatsächlich Neuland. In Berlin eröffneten die ersten Cyberspace-Cafés mit der wuchtigen Virtuality-Maschine „CYBER 1000 CS" von W. Industries. Die Rockband Aerosmith drehte ein Musikvideo, in dem zwei Teenager sich im Cyberspace kennenlernen, Nintendo brachte seinen Virtual Boy auf den Markt. Der Hype ebbte schnell wieder ab, zu teuer war die Hardware, zu unausgereift die Technik, zu klobig die Devices. Noch gut 20 Jahre sollten vergehen, bis VR in immer mehr Haushalte und Bereiche der Arbeitswelt eingedrungen ist. Aber lohnt sich die Anwendung?

Zwar ist die Gaming-Branche weiterhin der Trendsetter, aber längst profitiert auch die Bauindustrie von der künstlich geschaffenen Wirklichkeit. Ein Grund: Immer mehr Anwender können sich VR-Hardware leisten. Facebook beispielsweise hat VR-Heads auf den Markt gebracht, die auch für kleinere Betriebe erschwinglich sind. Das ist nicht verwunderlich, sieht Facebook-Gründer Mark Zuckerberg die 2020er als Jahrzehnt der Datenbrillen. "VR wird ein zentraler Bestandteil von AR. Ich denke, Virtual Reality wird größer, als die Leute glauben", sagte Zuckerberg auf cnet.com.

Neben dem Preis ist vor allem Handhabung und Komfort wichtig. Die Brillen wiegen bis zu 600 Gramm, nicht immer ist das Gewicht gleichmäßig verteilt. Zudem kommt es beim Einsatz von VR-Brillen mitunter zur sogenannten Bewegungskrankheit (Motion Sickness), vergleichbar mit der Seekrankheit auf Kreuzfahrtschiffen. Guter VR-Content und anwenderfreundliche VR-Hardware mit hoher Auflösung können dem entgegenwirken. Im Idealfall lässt die Brille sich wie ein Visier hochklappen, damit der Nutzer nicht den Kontakt zur Außenwelt verliert. Ein anderes Thema ist die Stabilität der Brillen. Sie sind weniger robust als Arbeitskleidung und nicht so stabil wie ein Helm. Dieser Umstand prädestiniert sie momentan eher für die Anwendung in Räumen, weniger für die Baustelle.

Mit VR planen, auf VR bauen

Was im Videospiel schon länger möglich ist, etabliert sich allmählich im Bauwesen. Mithilfe von VR-Anwendungen betreten Anwender vom Computer erzeugte Kunstwelten oder präziser ausgedrückt: Gebäudemodelle lassen sich im Team kollaborativ visualisieren und schon vor Baubeginn begehen, Geländepläne können detailreicher verfasst werden. "Wir möchten die beste visuelle Darstellung der Wirklichkeit bereitstellen, damit Projektleiter und die Teams vor Ort fundierte Entscheidungen treffen können", so etwa VR-Experte Alok Srivastava von der Topcon Positioning Group im Interview mit bauen-aktuell. Mithilfe einer VR-Brille erkunden Anwender die Baustellen, für die sie verantwortlich sein werden – Geräuschkulisse inklusive.

Auch Gefahrenquellen wie Unwetter oder fallende Gestände lassen sich simulieren. Davon profitieren wiederum Arbeitsschutzexperten, die Baustellen vorab auf kritische Bereiche überprüfen und entsprechende Sicherheitsmaßnahmen treffen können, sowie Bauarbeiter, die in der virtuellen Welt geschult und auf Gefahren hingewiesen werden. Im Idealfall stehen dafür ein digitales Bauwerksmodell und ein digitales Baustellenmodell zur Verfügung. Im Gegensatz zur Skizze erweckt VR die BIM-Daten somit zum Leben. Ein weiteres Anwendungsgebiet ist die Aus- und Weiterbildung von Mitarbeitern.

Ohne 5G läuft wenig

Technisch ist das umsetzbar, denn gute Brillen und leistungsstarke Rechenleistungen tragen ihren Teil schon bei. Entscheidend für VR-Anwendungen ist jedoch der neue Mobilfunkstandard 5G. Werner Ballhaus, Leiter Technologie, Medien und Telekommunikation bei PwC in Deutschland, ist überzeugt: „Aufgrund der benötigten Datenmengen und der möglichst niedrigen Latenzzeiten lassen sich VR-Geräte außerhalb des Heimnetzes bislang kaum nutzen. Das allerdings wird sich mit der 5G-Technologie nachhaltig ändern."

Der neue Standard ist also Voraussetzung für mobilfunkbasierte VR- und BIM-Anwendungen auf der Baustelle. Bis 5G allerdings in jeden Winkel Deutschlands vorgedrungen ist, dauert es wohl noch einige Jahre. Geplant ist, dass Deutschland frühstens flächendeckend bis 2025 mit 5G versorgt sein soll. Momentan erreichen die Mobilfunkanbieter außerhalb der Ballungszentren allerdings nicht einmal den LTE-Standard. Das wird VR- ebenso wie Mixed-Reality-Anwendungen ausbremsen. Bis das behoben ist, müssen diese Anwendungen wohl in Arbeitsräumen mit LAN-Verbindung oder über ein zuvor installiertes lokales WLAN-Netz auf der Baustelle betrieben werden.


07.02.2020

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