Wie weit soll man eigentlich die Digitalisierung treiben? Eine kleine Betrachtung


Die einen setzen vollständig auf handwerkliches Können, die anderen übernehmen digitale Arbeitsmethoden teilweise, wieder andere setzen vollständig auf Digitales. Es gilt, sich mit den neuen Techniken auseinanderzusetzen und für sich herauszufinden, ob diese einem einen Mehrwert in Genauigkeit, Zeit- und Kostenaufwand bringen können. In dieser kurzen Abhandlung werden vier verschiedene Ansätze in unterschiedlichen Digitalisierungsgraden im Steinmetzhandwerk aufgezeigt.

Digitalisierung ist kein Selbstzweck! Es geht für alle Interessierte darum, herauszufinden ...

… ob sich die BIM-Methode bei eigenen Projekten anwenden lässt und ob die möglichen Effizienzsteigerungen oder Kosteneinsparungen die Investitionen und die dafür erforderlichen Veränderungen wert sind.” [Mordue et. al., S. 21, 2016]

In früheren Beiträgen wurde über die Digitalisierungsanstrengungen bei der Konservierung bzw. jetzt Wiederaufbau der Kathedrale Notre-Dame de Paris oder auch bei der Renovierung vom Chor des Ulmer Münsters berichtet.

Der Umgang mit alter Bausubstanz eignet sich sehr gut für eine Betrachtung darüber, wieweit verschiedene Betriebe in Sachen Digitalisierung gehen.


1 – “Computerprogramme kommen nicht zum Einsatz. Sie sind zu ungenau”

Bei der Recherche stieß der Autor auf den Blogeintrag “Dauerhaftes und Demut” [Bohle, 2019] über die Kölner Dombauhütte. Hier arbeiten die Steinmetze mit Modeliermasse und Gips, modellieren zunächst die später in Stein zu meißelnden Stücke und verfeinern diese immer wieder bevor sie die einzubauenden Steine direkt bearbeiten. Somit kann man für das im Blog The Link aufgezeigte Beispiel für den Einsatz von digitalen Werkzeugen im Vergleich zu von manueller Arbeit ein Verhältnis von 0 zu 100 konstatieren.

2 – “Wichtig für die Steinmetze sind allein die Maße und die Schnitte” [UlmFilme, 2018]

Auf die Münsterbauhütte in Ulm wurde schon in einem früheren Beitrag hingewiesen. Interessant hier ist die Mischung zwischen Einsatz komplexer digitaler Werkzeuge und der handwerklichen Ausführung. Fotogrammetrische Aufnahmen der Münsterfassaden wurden in letzter Zeit mit Daten aus 3D-Scannern ergänzt. Aus den entstandenen Punktewolken lassen sich die ursprünglichen Formen der zu ersetzenden Steine mit einer Genauigkeit von einem Millimeter ableiten. Hier findet in Ulm aber ein Medienbruch statt. Die Maße und die Schnitte werden für die Steinmetze als Schablonen 1:1 ausgedruckt. Dem handwerklichen Geschick des Steinmetzes obliegt dann die Umsetzung. Hier gilt dann wohl für den Einsatz von digitalen Werkzeugen zu von manueller Arbeit ungefähr das Verhältnis 50 zu 50.

3 – “Der 360-Grad CNC-Roboter schlägt dem Fass den Boden aus” [Grand Designs, 2019]

Ein Paar hat sich in England in den Kopf gesetzt, einen heruntergekommenen Staffagebau (Folly) wieder herzurichten und einem realen Nutzen zuzuführen, sprich dort zu wohnen. Um die Denkmalschutzbehörde zufrieden zu stellen, ist äußerste Präzision gefragt. Der Bauherr, der zugleich als Architekt und Bauüberwacher verantwortlich zeichnet, lässt das kleine Schlösschen scannen und kann daraus exakte Vorlagen für z. B. zu ersetzende Fensterbänke entwickeln. Diese Daten werden ohne Medienbruch an einen multiaxialen CNC-Roboter weitergegeben, der die Aufgabe des Steinmetzen in höchster Präzision übernehmen kann und dem Auftraggeber damit Zeit und Geld spart. Eine individuelle menschliche Umsetzung ist hier nicht notwendig und – aus Zeitgründen – auch nicht gewollt. Somit gilt bei diesem Staffagebau für den Einsatz von digitalen Werkzeugen (einschl. Roboter) zu von manueller Arbeit (=Platzieren der Steine) das Verhältnis 95 zu 5.

4 – “Wir schlagen vor, den Schutt zu benutzen und ihn in den neuen Pariser Stein zu verwandeln” [Gebours, 2019]

Die Kathedrale Notre-Dame de Paris wurde bei einem Brand am 15. April 2019 schwerst beschädigt. Danach gingen Diskussionen los, wie das Gebäude wieder aufgebaut werden sollte. In Anlehnung an die Vorgaben der UNESCO Welterbe-Kommission wurde seither ein Gesetz erlassen, das vorschreibt, die Kirche originalgetreu wieder aufzubauen. Somit kommen den Arbeiten des Architekturhistorikers Andrew Tallon wiederum größere Bedeutungen zu (s. vor allem hier). Das Rotterdamer Büro CONCR3DE nimmt sich diese 3D-Daten und möchte in ihrem Vorschlag noch weiter gehen. Sie konstatieren, dass die Kathedrale – ebenso wie andere wichtige ton- und bildangebende Gebäude in Paris – aus dem Kalkstein Lutetium gebaut wurden, der unter Paris abgebaut wurde und jetzt so nicht mehr zur Verfügung steht. Durch den partiellen Einsturz der Kirche gibt es eine Menge Schutt aus genau diesem Gestein. Diesen möchten die Niederländer nehmen, zermahlen und für den 3D-Druck der neuen Steine verwenden. Auch hier werden die Daten ohne Medienbruch weitergegeben, diesmal aber an einen 3D-Drucker, der die alten Steine in höchster Präzision wieder erstehen lässt. Für diesen 3D-Druck gilt ein ähnliches Verhältnis wie bei dem Roboter: Einsatz von digitalen Werkzeugen 95 Prozent von manueller Arbeit 5 Prozent.


Die unterschiedlichen Herangehensweisen finden gleichzeitig statt, d. h. die unterschiedlichen Akteure können auf den gleichen Entwicklungsstand der Technik zurückgreifen. Sie haben aber für sich beschlossen, aus den verschiedensten Gründen die Schritte in Richtung Digitalisierung (nicht/teilweise/vollständig) zu gehen. 

Wie weit wollen/können Sie in Sachen Digitalisierung Ihrer Arbeitsprozesse gehen?

 


Quellen:

Bohle, H. (2019-03-13). Dauerhaftes und Demut. Abgerufen 9. Dezember 2019, von https://thelink.berlin/2019/03/faf-fachmesse-fuer-fassadengestaltung-und-raumdesign-koelner-dom-dombauhuette-koeln/

Gebours, Eric (2019-04-19). Rebuilding Notre Dame: a phoenix rising from the ashes. Abgerufen 9. Dezember 2019, von https://medium.com/@eric_geboers/rebuiling-notre-dame-a-phoenix-rising-from-the-ashes-f087bf89f5ed [Englisch/Übersetzung vom Autor]

Grand Designs, Grand Designs S19ep01 Folly House, 2019-05-04, YouTube, Abgerufen 9. Dezember 2019, von https://youtu.be/xgGgClP-FH8?t=1194, 19:54 Minuten [Englisch/Übersetzung vom Autor]

Mordue, Stefan; Swaddle, Paul; Philip, David “Building Information Modeling for Dummies”, S. 21, John Wiley & Sons, Ltd., 2016 [Englisch/Übersetzung vom Autor]

UlmFilme: Die Münsterbauhütte in Ulm. YouTube, 2018-04-19, Abgerufen 9. Dezember 2019, von https://www.youtube.com/watch?v=RoZtQmlweJc&feature=youtu.be&t=318, 05:18 Minuten


16.01.2020

Themen

Weitere Informationen

PB40
Region West